„Verschiebe nicht auf morgen, was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann.“

Twain

„Aber morgen fang‘ ich wirklich an!“

Unliebsame Aufgaben erledigen, mit einer neuen Diät beginnen, endlich wieder Sport treiben … unzählige Dinge verschieben wir immer wieder ohne sie je zu beginnen. Das Aufschieben lästiger oder unbequemer Angelegenheiten ist zur Krankheit geworden, die von Psychotherapeuten in kognitiv-verhaltenstherapeutischen Interventionen mit Modulen zum pünktlichen Beginnen und Planen behandelt werden.

Der US-amerikanische Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain, dessen Erzählungen vor allem durch seine genauen Beobachtungen sozialen Verhaltens so lebendig wurden, hält uns allerdings eine andere Sichtweise des Aufschiebens vor Augen. Denn Prokrastination kann auch sehr heilsam sein.

Zeitnot und Kontrollverlust

Warum nutzen Seminare zum besseren Zeitmanagement oft so wenig? Selbst wenn wir – die Empfehlungen der Zeitmanagement-Experten befolgend – weniger wichtige Arbeiten delegieren, uns aufs Wesentliche konzentrieren, uns Zeiträume schaffen, in denen wir nicht erreichbar sind, haben viele dennoch das Gefühl, immer weniger Zeit zu haben. Objektiv betrachtet haben wir heute so viel Freizeit wie nie zuvor – und fühlen uns dennoch gestresst. Woher kommt also diese vermeintliche Zeitnot?

Neurobiologen untersuchten das Gehirn ihrer ProbandInnen unter Stress. Sie stellten fest, dass der präfrontale Kortex, der Teil unseres Gehirns, der sich direkt hinter der Stirn befindet und u.a. für die Handlungssteuerung, die Planung und Problemlösung zuständig ist, in Stresssituationen seine Fähigkeit einbüßt, zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Wir verlieren also den Überblick und treffen falsche Entscheidungen. Schnell macht sich das Gefühl breit, die Kontrolle über die Situation und unsere Handlungen zu verlieren.

Dazu kommt, dass die gleichen neurochemischen Prozesse, die den präfrontalen Kortex lähmen, die Amygdala stimulieren. Dieser Gehirnkomplex sitzt im vorderen Teil des Temporallappens und spielt bei der Entstehung, der Wiedererkennung und der Auslösung körperlicher Reaktionen von Angst eine große Rolle. So sorgt die Amygdala dafür, dass uns das Herz bis zum Hals klopft, wenn wir Angst haben. In Verbindung mit Stress bedeutet das, dass wir emotionaler reagieren; wir entwickeln Ängste, und diese führen wiederum zu mehr Stress.

Unterbrechen, aufschieben, „Nein“ sagen

Aus Studien zur Arbeitsbelastung geht hervor, dass Arbeitnehmer im Durchschnitt mit zwölf Aufgaben gleichzeitig beschäftigt sind. Dies führt zu Druck, dem auf Dauer niemand gewachsen ist. In den Worten „auf Dauer“ liegt das Problem und auch gleichzeitig dessen Lösung: Denn kurze Unterbrechungen der Arbeit führen zu einem großen Unterschied. Studien von Informationswissenschaftlern und Psychologen ergeben, dass Menschen, die ihre Arbeit unterbrechen, ihre Aufgaben ohne Qualitätseinbußen und sogar schneller erledigen als Menschen, die ohne Pausen beschäftigt sind. Unterbrechungen geben unserem Gehirn die Möglichkeit zurück, die Kontrolle wieder zu gewinnen. Kurzes Aufschieben hilft also mehr als es schadet.

Zeit lässt sich nicht vermehren. Somit passt in einen Tag auch nur eine bestimmte Anzahl von Aktivitäten. Manchmal ist daher die ganz einfache Lösung gegen Zeitprobleme, die die vielen von uns am schwersten fällt: Wir müssen lernen, „Nein“, zu sagen. Und auch hierfür muss unser Gehirn in der Lage sein, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Die unwichtigen Dinge, die wir ohnehin auf morgen oder übermorgen verschieben könnten, können wir dann auch ganz streichen und statt dessen mit den wichtigen anfangen, die wir schon so lange vor uns herschieben.

Links, die das Unterbrechen erleichtern:

http://t3n.de/news/prokrastination-webseiten-zeit-totschlagen-552629/

Quellen:

Arnsten, A. F. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410-422.

Mark, G., Gudith, D., & Klocke, U. (2008, April). The cost of interrupted work: more speed and stress. In Proceedings of the SIGCHI conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 107-110). ACM.

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