Nichts ist so sehr für die gute alte Zeit verantwortlich wie das schlechte Gedächtnis.

France

„Früher war alles besser…“

Wer kennt diese Aussage nicht? Wie oft haben wir über diesen Spruch die Augen verdreht – und wie oft haben wir uns selbst schon bei diesem Gedanken erwischt? Litten wir als Kinder unter Gruppenzwang oder Willkür mancher Lehrer, sehnen wir uns als Erwachsene nach der Unbeschwertheit unserer Kindheit und Jugend zurück. Eltern von Jugendlichen halten ihre jetzigen Schwierigkeiten für viel gravierender als die früheren, als die Kinder noch klein waren und die Probleme in durchwachten Nächten und Bauchschmerzen lagen. Ältere Menschen, auch wenn sie Not und Entbehrung erlebten, erinnern sich nostalgisch an die Zeit, in der sie jung und fit waren.

Der französische Schriftsteller Anatole France lebte im 19. Jahrhundert, konnte also von den Ergebnissen der modernen Hirnforschung nichts wissen. Dennoch beschrieb er dieses Phänomen mit den richtigen Worten.

Das konstruktive Gedächtnis

Wieso verklären wir Vergangenes zur „guten alten Zeit“? Um diese Frage zu beantworten, hilft es, die Funktionsweise des episodischen Gedächtnisses zu verstehen. Unsere Fähigkeit, vergangene Erlebnisse abzurufen, ermöglicht uns eine Art „mentaler Zeitreise“. Erinnerungen werden aber nicht als einheitliche und exakte mentale Abbilder der zu speichernden Episode angelegt, auch wenn es uns so vorkommen mag, als seien unsere Erinnerungen wie eine Art Filmaufnahme abgespeichert. Vielmehr werden die einzelnen Elemente dieser Episode separat gespeichert. Beim Abruf der Erinnerungen werden die separaten Informationseinheiten rekombiniert. Das macht unser Gehirn in hohem Maße flexibel und effizient, führt aber auch zu Erinnerungsfehlern. Wir müssen keine Polizisten oder Staatsanwälte sein, um uns vorstellen zu können, wie problematisch es ist, dass sich Menschen an das gleiche Geschehnis völlig unterschiedlich erinnern und gänzlich verschiedene Aussagen machen.

Erinnerungsfehler als Schutzfunktion

Auch wenn unser Gedächtnis lücken- und fehlerhaft ist: Die konstruktive Funktionsweise unseres Gedächtnisses erfüllt eine wichtige Aufgabe. Sie schützt uns vor Verbitterung und Depression. Ein gedanklicher Ausflug in die „gute alte Zeit“ ist typischerweise emotional, intensiv und lebhaft. Wir spielen selbst die Hauptrolle darin, und negative Situationen werden – je länger wir diesen Gedanken nachhängen – immer positiver. So schützt uns unser Gehirn also ganz automatisch vor schlechter Laune.

Erinnerungen schaffen

Sollen wir nun einfach abwarten und darauf vertrauen, dass alle negativen Erlebnisse von heute später in positive umgewandelt werden? Natürlich können wir uns auf die universelle Funktionsweise unseres Gehirns verlassen, aber dennoch können wir dazu beitragen, dass wir auch das Hier und Jetzt als gute Zeit erleben: Freunde treffen und ausgiebig lachen, sich bei einem Konzertbesuch die Seele aus dem Leib tanzen, mit anderen Menschen zusammenkommen und Schönes erleben – dann wird das Heute auch ohne Erinnerungsfehler zur guten alten Zeit.

Quellen:

Bartsch, T. (Ed.). (2013). Gedächtnisstörungen: Diagnostik und Rehabilitation. Berlin: Springer.

Sedikides, C., Wildschut, T., Arndt, J., & Routledge, C. (2008). Nostalgia past, present, and future. Current Directions in Psychological Science, 17(5), 304-307.

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