Uns gehört nur die Stunde. Und eine Stunde, wenn sie glücklich ist,
ist viel.

Fontane

Kennen wir nicht Momente, in denen wir uns völlig aus dem Gleichgewicht fühlen, uns dringend mehr Freizeit, mehr Zeit für uns selbst wünschen – und sie uns dennoch nicht gönnen, aus Angst, unsere Arbeit könnte darunter leiden oder unsere Familie dabei zu kurz kommen? Erleben wir wirklich hin und wieder glückliche Stunden oder ist unser Leben so vollgepackt mit Dringlichkeiten, dass wir es kaum mehr genießen?

Theodor Fontane war Apotheker, Privatlehrer, Journalist, Theaterkritiker, Herausgeber, Pressekorrespondent und nicht zuletzt einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Sicher war sein Leben mitunter anstrengend, sein Tage angefüllt mit Arbeit und nicht in jedem seiner Berufe fand er Erfüllung. Dennoch schaffte er es offensichtlich, glückliche Stunden zu verleben.

Chronos vs. Kairos

Schon die Menschen in der Antike wussten, dass Zeit unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Die griechische Mythologie kennt daher zwei Götter, die für die Zeit zuständig sind: Chronos als Personifikation der Lebenszeit stellt sicher, dass die Zeit in einer exakten und linearen Abfolge von Momenten verläuft. Chronos‘ Schatz liegt in Erfahrungen. Wer allerdings seine Zeit nicht nutzt, nicht von ihr lernt und aus ihr reift, den beginnt Chronos zu verschlingen. Ihm gegenüber steht Kairos, der Gott des rechten Augenblicks und der günstigen Gelegenheit. Während also Chronos die Quantität der Zeit und die aus ihr gewonnenen Erfahrungen repräsentiert , steht Kairos für das Jetzt, für den Augenblick, der nur subjektiv empfunden werden kann. Diese qualitative Dimension der Zeit lassen wir leider viel zu oft außer Betracht.

Wichtigkeit vs. Dringlichkeit

Wie könnten wir auch auf günstige Gelegenheiten warten, wenn wir ständig gehetzt sind und unseren Tagesablauf dem strengen Diktat der Uhr unterwerfen?

Um den richtigen Augenblick zu erkennen benötigen wir innere Ruhe und Aufmerksamkeit. Wir müssen genau wissen, wohin wir wollen, denn in unserer komplexen Welt mit schier unendlichen Möglichkeiten bieten sich tausende Gelegenheiten – die aber nicht alle für uns günstig sind.

Natürlich wollen wir beschäftigt sein, uns unentbehrlich, nützlich und wichtig fühlen, spüren, wie uns der Rausch des Adrenalins zu immer mehr Leistung antreibt. Jeder Tag, jede Minute unseres Lebens wird mit Dringlichkeiten ausgefüllt, um in unserer Leistungsgesellschaft zu bestehen. Dringlichkeit täuscht aber Wichtigkeit nur vor. Wer nie innehält, um die eigenen Bedürfnisse zu erspüren und sie auch zu erfüllen, wird die Qualität der Zeit nicht erfahren können. Die wichtigen Dinge drängen sich uns nicht auf, wir müssen sie selbst erkennen und Zeit für sie einräumen.

Zeit für Wichtiges

Menschliche Bedürfnisse sind physischer, sozialer, mentaler und spiritueller Natur. Langfristige Planung, die stetige Erweiterung unserer Fähigkeiten gehören ebenso dazu wie echte Erholung und die Pflege wichtiger Beziehungen. Erkennen und tun wir, was für uns wirklich wichtig ist, und schaffen wir es, die wesentlichen Dinge in unser Leben zu integrieren, sind wir unserer Lebensqualität schon einen großen Schritt näher

Selbst dann, wenn wir nur wenig Zeit dafür erübrigen können: diese eine glückliche Stunde wird viel sein

Quellen:

Covey, S. R., Merrill, A. R., & Merrill, R. R. (1995). First things first. New York: Simon and Schuster.

Weinelt, H. (2005). Die zwei Gesichter der Zeit. Abenteuer Philosophie 4, 18-21.

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