Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.

Einstein

Erinnern wir uns an schier endlos anmutende Mathematik- oder Englischstunden? An den geradezu unerschöpflichen Schatz an freien Tagen, der zu Beginn der Sommerferien vor uns lag, und der uns doch am Ende dieser im Rückblick viel zu kurz vorkam? Wenn wir beobachten, wie Kinder in Erwartung eines besonderen Ereignisses die Wartezeit in Einheiten von „noch x-mal schlafen“ einteilen, während Erwachsenen die Zeit bis zum gleichen Ereignis unter den Fingern zu verrinnen erscheint, fragen wir uns dann je, warum unsere Wahrnehmung der Zeit so unterschiedlich sein kann?

Der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein fasste seine Beobachtung der Zeitwahrnehmung in seiner alternativen „Relativitätstheorie“ zusammen, konnte uns aber auch keine Erklärung dafür liefern.

Unsere innere Uhr

Eines ist klar: Wir haben kein Sinnesorgan, das für Zeitmessung zuständig ist. Dennoch sind viele unserer Wahrnehmungen und unsere Reaktionen auf diese stark davon abhängig, dass wir Zeit richtig einschätzen. Wie könnten wir es wagen, die Straße zu überqueren, ohne abschätzen zu können, ob wir es noch vor dem nächsten Auto schaffen? Wie könnten wir auch nur irgendwelche Aktivitäten planen, ohne ungefähr zu wissen, wie lange sie dauern werden? Wie genau wir aber Zeitspannen wahrnehmen, darin sind sich Wissenschaftler auch nach jahrelanger Forschung nicht einig. Manche gehen davon aus, dass unsere Wahrnehmung von Zeitspannen aus einem dafür vorgesehenen Uhrwerk-artigen neuralen Mechanismus resultiert, andere nehmen an, dass die Zeitdauer in leicht zugänglicher Form als ein spezifisches und allgegenwärtiges Merkmal neuraler Aktivität kodiert wird. In einem sind sich jedoch alle einig: die Wahrnehmung von Zeit benötigt ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Genau hierin könnte die Erklärung dafür liegen, dass uns manche Aktivitäten besonders lang, andere außergewöhnlich kurz vorkommen.

Einflussfaktoren auf das Zeitgefühl

Zeitwahrnehmung ist ein kognitiver Prozess. Unser Gehirn muss ihr Aufmerksamkeit zuweisen, auch wenn wir uns dessen gar nicht bewusst werden. Sie ist daher davon abhängig, wie viel Aufmerksamkeit ihr zugewiesen werden kann und wie viele andere Informationen dabei noch gleichzeitig verarbeitet werden müssen. Je mehr andere Informationsverarbeitungsprozesse ablaufen, desto weniger Aufmerksamkeit steht also für die Zeitwahrnehmung zur Verfügung, sodass wir am Ende Zeitspannen fehlerhaft einschätzen. Beschäftigen wir uns mit etwas, das uns sehr interessiert, kann unser Gehirn nur wenige Zeiteinheiten verarbeiten, und wir unterschätzen zeitliche Abstände. Die Zeit verfliegt.

Zusätzlich wird die Wahrnehmung der Zeit – ebenso wie alle anderen kognitiven Prozesse – von unseren Emotionen beeinflusst: von unserem Erregungszustand und der Tatsache, ob wir uns gerade gut oder schlecht fühlen. Bei schwacher Erregung bewirken positive Emotionen, dass wir Zeitspannen überschätzen, während negative Emotionen dazu führen, dass uns die Zeit schneller vorkommt. Sind wir jedoch stark erregt, führen positive Emotionen dazu, dass wir Zeitspannen unterschätzen. Wir besitzen also zwei verschiedene „Zeitsysteme“, von denen eines für Zustände niedriger Erregung und eines für Situationen mit hoher Erregung zuständig ist. Das wird damit erklärt, dass das Zeitempfinden in Situationen mit hoher Erregung und negativen Emotionen bereits bei unseren Urahnen eine große Rolle spielte. Sie mussten sich zu solchen Begebenheiten entscheiden, ob sie angreifen oder besser flüchten sollten. Die unterschiedliche Verarbeitung von Zeiteinheiten war also lebenswichtig.

Die Zeit zum Fliegen bringen

Auch wenn wir noch nicht ganz genau wissen, wie unser Gehirn Zeit misst, haben wir doch meist ein sehr gutes Gefühl dafür, was wir tun müssen, um eine gute Zeit zu erleben. Wenn wir uns schon im Berufsleben durch nicht enden wollende Meetings und langatmige Berichte quälen müssen, sollten wir doch wenigstens in unserer Freizeit Aktivitäten planen, die uns Spaß bereiten, uns fesseln, uns begeistern.

Das hat nur einen Nachteil: Die Zeit wird wie im Flug vergehen.

Quellen:

Angrilli, A., Cherubini, P., Pavese, A., & Manfredini, S. (1997). The influence of affective factors on time perception. Perception & psychophysics, 59(6), 972-982.

Ivry, R. B., & Schlerf, J. E. (2008). Dedicated and intrinsic models of time perception. Trends in cognitive sciences, 12(7), 273-280.

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